„Ich selbst, auch ich tanze"


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 2/2017

Die Band BAR steht für ausgewählten Elektropop mit Narrativen und Tanzmomenten. Das hat Düsseldorf gefehlt. Eine Reise, ein Mix-Tape, ein Gedicht: drei Komponenten, die den Beginn und auch die Programmatik des Düsseldorfer Elektropop-Duos BAR ausmachen. BAR sind die Kunsthistorikerin und freie Autorin Christina Irrgang und Lucas Croon, auch bekannt als Mastermind der Düsseldorfer Band Stabil Elite. Gemeinsam reisten die 2013 noch frisch Verliebten nach Los Angeles. Bei seinem vorzeitigen Abschied ließ Lucas Christina ein Tape mit eigenen Kompositionen da. Aus einem Gedicht, das Christina vor Ort schrieb, wurden beim Hören des Tapes die Lyrics für den ersten BAR-Track „Luna May“, der Eingang in ihre Debüt-LP „Welcome to BAR“ fand und 2014 beim Szenelabel ITALIC recordings veröffentlicht wurde.

Auch ihr im Herbst neu erscheinendes Album steht ganz im Zeichen des Poetischen. BAR vertonen in „Traum“ frühe Verse von Hannah Arendt und wirken nahezu leichtfüßig: „Schwebende Füße in pathetischem Glanze. Ich selbst, auch ich tanze.“ Ihren Sound verorten Christina und Lucas im Kosmisch-Intimen zwischen „künstlerisch wertvollem“ Pop und Wave, gepaart mit Narrativen und Tanzmomenten. Der zugezogenen Hessin und dem gebürtigen Bayern schwebte ein Bandname bestehend aus drei Buchstaben vor, angelehnt an genrebegründende Bands aus dem Rheinland wie Can, Neu! und DAF. Hinter den drei Lettern BAR steht die Vielfalt der Bedeutungsmöglichkeiten des Wortes, doch nicht zuletzt ein Akronym: Band am Rhein.

Ihre raumgreifend tanzbaren Beats verströmen Christina und Lucas nicht nur auf kleinen und großen Konzertbühnen in und außerhalb Düsseldorfs, sondern begründen ebenso Musikbühnen in Kunsthochschulen, Galerien, Theatern und Museen in ganz Europa. Ihre Performance ist dialogisch: Auf der Bühne interagieren sie und sind deshalb einander zugewandt. Die futuristisch- stilsicheren Kostüme des ElektropPop-Duos gestaltet die gefragte Düsseldorfer Modedesignerin Marion Strehlow in ihrem unverwechselbaren minimalistisch-konstruktivistischen Design.

Folkloristische Elemente wie der Einsatz eines Majorette-Stabs und der Jonglage treffen auf avantgardistische Videoprojektionen. Das Ergebnis der Inszenierung ist ein ambivalentes Arrangement aus Vergangenem und Zukünftigem. Das künstlerische Selbstverständnis des Elektropop-Duos ist interdisziplinär: Christina arbeitet derzeit neben diversen Schreibprojekten im Bereich Kunst und Design an ihrer Dissertation zur Bildindustrie Heinrich Hoffmanns. Lucas ist ebenso mit seiner Solokarriere befasst: In Kürze schließt er die Arbeiten an seinem nächsten Soloprojekt ab, das er als „echte Dance-Platte“ ankündigt. Ganz beiläufig erwähnt er, dass er neben der Musik zum Pilotfilm „Über Barbarossaplatz“ des Düsseldorfer Regisseurs Jan Bonny den Sound eines kommenden Münchner „Polizeirufs“ und eines Kieler „Tatorts“ komponierte. Ihre nachhaltigsten Live-Momente erlebten Christina und Lucas im Salon des Amateurs zu Füßen der Kunsthalle, dessen Zukunft derzeit in den Sternen steht. Der musikhistorisch herausragende Club im vermeintlichen Schatten von Kunstakademie und Kunstsammlung versammelt seit Jahren die Avantgarde der weltweiten elektronischen Musik und stellt für Irrgang und Croon einen intim-familiären Spot dar, an dem ihre eigene Musikkarriere begann. Für BAR ist der Salon des Amateurs, unter dem andauernden Engagement Detlef Weinrichs, auch bekannt als Tolouse Low Trax und Mitglied der Düsseldorfer Band Kreidler, aus der internationalen Musikszene nicht wegzudenken. Der Club sei die „Krone der Kö“, eine „weltweite Marke“, die in jeder Hinsicht erhalten werden müsste, so BAR. Wehmut gepaart mit Euphorie – auch das ist BAR. Fernab von Kraftwerk und Konsorten lässt das Duo auf die tonale Zukunft in Düsseldorf hoffen.

www.bar-music.com

Text: Verena Meis

Fotos: Stephan Lucius Lemke und Inna Perevozchikova

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