Feine Stoffe für die grosse Bühne


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 3/2017

Zwischen Straße und U-Bahn-Tunnel unter der Düsseldorfer Innenstadt liegt ein Schatz von unermesslichem Wert: der Kostümfundus der Deutschen Oper am Rhein. Wir haben die Leiterin der Kostümabteilung begleitet – in eine Welt aus Tüll, Samt und Seide.

Wir stehen am Eingang eines gigantischen begehbaren Kleiderschranks. Hier, im Kostümfundus der Deutschen Oper am Rhein, der in einem ehemaligen U-Bahn-Zugangsschacht unter dem Opernhaus liegt, gibt es keine Fenster. Die Halogenlampen an der Decke werfen ein weißes Licht. Die Vielfalt an Farben und Materialien der Kostüme ist überwältigend. Auf knapp 2.250 Quadratmetern stapeln sich Kisten, stehen Kleiderständer dicht an dicht. Daran Mäntel, Gewänder, Röcke in verschiedenen Größen und Formen, Hemden und dicke Bäuche aus Watte. „Es gibt seit Jahren das Gerücht, der Opernfundus umfasse 50.000 Kostüme. Ich glaube, es sind mehr“, schmunzelt Stefanie Salm, die Leiterin der Kostümabteilung. Immerhin belegt schon eine Produktion circa 15 Kostümständer. 11 Opern-Neuproduktionen und 19 Repertoirestücke werden in der aktuellen Spielzeit auf die Bühne gebracht; dazu kommen sechs Ballettabende mit je mehreren Teilen.

Stefanie Salm nimmt einen Mantel vom Ständer und streicht vorsichtig über den Ärmel, der mit einer schmalen gewebten Bordüre aus schwarzer Seide bestickt ist. „Wunderschöne Soutache-Stickerei“, erklärt die Leiterin der Kostümabteilung. Natürlich weiß sie gleich, welcher Rolle dieses Kostüm gehört: „Der Graf aus der ‚Hochzeit des Figaro‘ trägt diesen Mantel. Ein sehr empfindlicher Stoff, sogar die Knöpfe wurden extra von Hand bezogen.“ Die Kostümabteilung der Deutschen Oper am Rhein umfasst insgesamt knapp 100 Mitarbeiter: Damen- und Herrenschneider, Schuhmacher, eine Färberin, eine Hutmacherin, die Garderobenleitung, Gewandmeister und viele mehr. „Ein Kleinunternehmen“, meint Salm, die selbst das Handwerk von der Pike auf gelernt hat.

„Die aufwendigsten Kostüme sind manchmal nur eine halbe Stunde auf der Bühne zu sehen“

Wir setzen unseren Weg durch den Fundus fort. Die Leiterin der Kostümabteilung schiebt ein paar Bügel zur Seite und nimmt ein langes hellblaues Kleid von der Stange. Der Stoff schimmert wie Wasser, die Schleppe fließt über den Boden. Ärmel und Brust sind filigran mit goldenen Fäden bestickt, kleine Perlen und Pailletten glitzern im Licht. Unzählige Handgriffe waren nötig, bis die Sängerin darin auf die Bühne treten konnte. Manchmal seien die aufwendigsten Kostüme nur eine halbe Stunde auf der Bühne zu sehen, fügt Salm hinzu. Opernsängerinnen wie Sylvia Hamvasi tragen dieses Überkleid im „Figaro“.

Anfangs war auch dieses Kleid nur eine Skizze, gezeichnet von einem Kostümbildner: Etwa ein halbes Jahr vor einer Premiere bespricht Stefanie Salm in der Regel gemeinsam mit dem Kostümbildner, wie er sich die Kostüme vorgestellt hat, welche Statur die Solisten haben, welcher Stoff verwendet werden soll. „Die Gewandmeister machen dann einen ersten Zuschnitt, anschließend finden die -ersten Anproben statt, bei denen man die Entwürfe zum ersten Mal am Menschen sieht und einen Eindruck bekommt, wie der Stoff wirkt und wie er fällt“, so Salm. Erst dann folgen die Maßanproben mit den finalen Änderungen.

Nicht alle Kostüme, die in der Werkstatt gefertigt und im Fundus aufbewahrt werden, bleiben auch in Deutschland. Einige Male wurden Kostüme zum Beispiel schon nach Spanien, Österreich und Italien verliehen, wo andere Opernstars diese trugen. Stefanie Salm weiß um die besondere Beziehung zwischen Darsteller und Kostüm: „Sänger und Tänzer sollten sich ab dem Moment, wo sie die Bühne betreten, keine Gedanken mehr um das Kostüm machen, sondern sich darin wohlfühlen. Dafür gibt es bei jeder Aufführung einen Abenddienst, der sich kümmert, wenn doch noch etwas rutscht oder drückt. Mit einer meterlangen Schleppe oder in einem Priestergewand bewegt man sich schließlich ganz anders als in Hosen“, erklärt Salm.

Stefanie Salm scheint nicht nur die Geschichte, den Platz und die Rolle jedes Kostüms zu kennen, sie behält im Kostümfundus auch die Orientierung, die dem unerfahrenen Besucher schnell abhandenkommt. Schmale Durchgänge führen zu immer neuen Reihen von Kleiderständern. Und auch nach gut anderthalb Stunden finden die Augen noch etwas, das sie noch nicht gesehen haben. Mit Federn besetzte feuerrote Schulterpolster, einen Rock, der an eine Butterblume erinnert, eine gewaltige, täuschend echt bemalte Ritterrüstung aus Kunststoff oder handgefärbte Ringelstrümpfe. „Der Kostümfundus ist sicherlich von unschätzbarem Wert. Und er ist auch ein Teil der Stadt Düsseldorf“, so Stefanie Salm. Ein Schatz, den man mit eigenen Augen gesehen haben sollte. •

 

Info:

Mehrmals im Monat bietet die Deutsche Oper am Rhein Führungen durchs Opernhaus mit Besuch des Kostümfundus an. Gelegenheiten, die Kostüme auf der Bühne zu sehen, gibt es auch in der Spielzeit 2017/18: neben Stücken wie „Madama Butterfly“, „Die Zauberflöte“ oder der Neuinszenierung des „Rings des Nibelungen“ zum Beispiel auch bei Sonderveranstaltungen wie „Weihnachten mit Freunden“ am 7. Dezember 2017. Ein Konzerterlebnis, das von den Solisten, dem Kinderchor und den Düsseldorfer Symphonikern gestaltet wird.

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Text: Simone Ahrweiler 

Fotos: Celine Al-Mosawi

 

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