Es knistert


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 1/2018

Seit einigen Jahren erlebt die Schallplatte ihren zweiten Frühling. Die Umsätze mit dem schwarzen Gold wachsen. Zu verdanken ist das Vinylliebhabern wie Haru Specks, Volker Rohde und Kai Schäfer. Wir haben die drei dort getroffen, wo man ihresgleichen am häufigsten trifft: im Plattenladen. Konkret: bei „Heimindustrie Records“ in Düsseldorf-Bilk. 

 

 

Wann habt ihr zuletzt eine Schallplatte aufgelegt?

Rohde: Erst heute Morgen. Es war Das Pop aus Belgien. Sehr beschwingt.

Schäfer: Bei mir war es „L. A. Woman“ von The Doors, das ist allerdings schon sechs Wochen her. Das hängt damit zusammen, dass mein 16-jähriger Neffe sich gerade meinen Plattenspieler geliehen hat. Den muss ich mir unbedingt zurückholen …

Specks: Ich bereite gerade meine „Vinylpredigt“ zum Thema Spießertum vor. Deshalb habe ich mir gestern Abend „Haare“ angehört, die deutsche Version des Musicals „Hair“.

Im Gegensatz zu euch dreien konsumieren viele Menschen Musik heute über Streaming-Dienste, Youtube oder CD. Was fasziniert euch an Vinyl?

Rohde: Unter anderem ist es das Haptische. Und die Bilder auf dem Cover sind größer, die Textbeilagen schaut man sich eher an. Außerdem klingt der Sound wärmer. Ich persönlich finde es auch charmant, wenn es irgendwann anfängt zu knistern. 

Schäfer: Ich glaube ja, dass wir einfach keinen Bock mehr auf Perfektion haben. Auf das Praktische. Wenn ich ein Hobby habe, bin ich auch bereit, viel Zeit zu investieren. Dann kann ich auch mal die Nadel reinigen. Oder die Platte entstauben.

Specks: Ich habe neulich im Netz ein Foto von Frank Sinatra gesehen, aus den 70ern. Damals hat man die Anlage noch so aufgebaut, dass man sich hinknien musste. Sinatra kniete also vor seinem Plattenspieler. Das hatte geradezu etwas Ehrfürchtiges. Wie ein Gottesdienst.

Wo wir schon bei den 70ern sind. Welche war eure allererste Platte?

Rohde: Meine erste Platte war „Wake Me Up Before You Go-Go“ von Wham!. Ich komme aus Brüggen am Niederrhein. In der Videothek dort gab es eine kleine Plattenabteilung. Da habe ich die Single gekauft. Fünf Mark hat die, glaube ich, gekostet. 

Schäfer: Ich hatte damals gar kein Geld für Platten. Mein Freund und ich haben immer Mixtapes auf-genommen. Beatles – blaues, rotes, weißes Album. Das sind meine ersten musikalischen Erinnerungen.

Specks: Ich war elf Jahre alt, als ich in Ilja Richters Sendung „Disco“ The Rubettes mit „Sugar Baby Love“ gesehen habe. Das hat mich komplett weggeblasen. Diese Falsettstimmen! Ein Jahr später habe ich dann meine erste LP gekauft. Queens „A Night At The Opera“. Immer noch ein großartiges Album!

Dein erster Nebenjob, Haru, hatte auch mit Platten zu tun. 

Specks: Ja, damals war ich vielleicht 13 oder 14 Jahre alt und habe in den Ferien im Plattenladen gearbeitet. Ich wollte natürlich mit den coolen älteren Plattenfreaks, die dort ihr Geld verdienten, mithalten und habe mich dann in die Materie eingearbeitet, mir alles reingepfiffen. Tim Buckley, Frank Zappa, lauter krudes Zeugs. Ein Jahr später kam schon der Punk. Endlich den Hippies den Stinkefinger zeigen! Und keine 100-Minuten-Gitarrensoli mehr. Drei Minuten und fertig. Das war eine echte Befreiung.

Gibt es Platten, die euer Leben in eine ­bestimmte Richtung gelenkt haben?

Specks: Ja, viele. Die „Y“ von The Pop Group hat mich beispielsweise dazu gebracht, den Kriegsdienst zu verweigern. Eine wirklich schwierige Platte, die man sich erarbeiten muss. In einem Song heißt es: „Wenn nichts mehr Sinn ergibt: Ein Befehl bleibt ein Befehl.“ Schlagartig wurde mir klar: Das will ich nicht. Also habe ich verweigert.

Das ist mittlerweile 35 Jahre her. Mindestens genauso lange sammelt ihr Vinyl. Wie viele Platten umfasst eure Sammlung heute?

Specks: Fünf mal drei Meter. Also schätzungsweise 15.000 große Alben und 3.000 Singles.

Und wie habt ihr sie sortiert?

Specks: Natürlich ist jede gescheite Sammlung alphabetisch aufgebaut. Alles andere ist Quatsch mit Soße. Innerhalb von maximal fünf Minuten finde ich übrigens jede Platte.

Welche Rolle spielt das Cover-Artwork?

Rohde: Eine wichtige. David Bowies „Aladdin Sane“, auf dem er den Blitz ins Gesicht geschminkt hat, ist ein Kunstwerk. Das Album gehört zwar nicht zu meinen Lieblingsplatten, ist aber sehr schön anzuschauen. 

Specks: Ich hatte gestern noch Ton Steine Scherbens „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ in der Hand. Die haben sie im Selbstvertrieb rausgebracht. Das Cover ist aus harter Pappe. Getackert. 

Schäfer: Die Erstpressung wurde übrigens mit Steinschleuder herausgegeben. Ich habe sie aber leider nicht. Immer wenn sie angeboten wird, steht dabei „ohne Steinschleuder“. 

Rohde: Du bist also Scherben-Fan?

Schäfer: Mein Sohn heißt Rio. So viel dazu. 

Specks: Oft sind es gerade die Geschichten hinter den Platten, die so interessant sind: Das Cover von The Strokes „Is This It“ ist beispielsweise in den USA verboten. Überhaupt haben in den USA viele Platten ein anderes Cover als in Europa. Prefab Sprout haben eine Platte mit dem Titel „Steve McQueen“ gemacht. Dessen Witwe hat dagegen geklagt. Deshalb heißt die Platte in den USA „Two Wheels Good“.

Schäfer: In die Auslaufrillen der Platten sind übrigens manchmal Botschaften geritzt. Bei Joy Divi-sion zum Beispiel. Aber auch bei Fehlfarbens „Monarchie und Alltag“. „Glaubt nichts“ steht auf der einen Plattenseite. „Wir glauben auch nichts“ auf der anderen.

 

Wo kauft ihr eure Platten?

Specks: Ich finde sie zu 90 Prozent – nur zu 10 Prozent suche ich sie. Es gefällt mir, im Laden zu stehen und Platten durchzublättern. Ich empfinde mich sozusagen als Astronom: Mich interessiert nicht nur ein Planet, sondern das ganze Weltall. Heute beschäftige ich mich mit gregorianischen Chorälen, morgen mit Disco …

Schäfer: Ich kaufe alles über die Onlinedatenbank Discogs. Das hängt damit zusammen, dass ich für mein Fotoprojekt „Worldrecords“ ganz gezielt auf der Suche nach bestimmten Platten bin. Da komme ich übers Netz schneller ans Ziel.

Und der Plattenspieler, welche Rolle spielt der?

Schäfer: Während meines Projekts, das ja schon seit 2010 läuft und für das ich auch Plattenspieler brauchte, habe ich festgestellt, dass es zum einen Plattensammler gibt. Und zum anderen Plattenspielersammler. Ich habe niemanden getroffen, der beides sammelt. Den einen geht es beim Sammeln um den Klang. Den anderen ausschließlich um die Musik.

Specks: Plattenspielersammler hören keine Musik, die zelebrieren vielmehr den Sound. Wenn du einen Plattenspieler für 8.000 Euro hast, hörst du dir keine Ramones-Platte an. 

Haru, du bist der einzige DJ in der Runde. Siehst du dich eher als Dienstleister oder als Künstler?

Specks: Das kommt darauf an, in welchem Kontext ich auflege. Wenn ich bei einer Hochzeit oder einem Geburtstag auflege, bin ich ganz klar Dienstleister.

Kommt dann auch schon mal Helene Fischer auf den Plattenteller?

Specks: Das wollte ich gerade ausschließen. Die Wünsche der Kunden und inwiefern ich sie bedienen kann, klärt man im Vorgespräch. Helene Fischer habe ich nicht in meiner Sammlung. Ich spiele aber durchaus schon mal „Dancing Queen“ von Abba – wenn gar nichts mehr geht. Viel lieber lege ich allerdings The Hives auf, The Clash oder Michael Jackson. Ich bin Spartenaufleger.

Im Club bist du ja auch mit Wünschen der Gäste konfrontiert …

Specks: Ich stelle da immer ein Schild auf: „Heute keine Wünsche“. Das hat eine Freundin für mich gravieren lassen. Wenn ich auflege, habe ich 300 Scheiben dabei. Das ist schon ziemlich viel. Trotzdem kann ich natürlich nicht alles liefern. Nur weil einem im besoffenen Kopf beim Pinkeln die Dire Straits einfallen, lege ich die noch lange nicht auf. 

Deine Sets sind musikalisch sehr breit gefächert. Sie präsentieren Musik aus unterschiedlichen Genres, sind überhaupt nicht festgelegt. Irritiert das nicht?

Specks: Mich nicht. Im Ernst: In den 80er-Jahren war das total okay, so ein Set zu spielen. Da war die Musikkultur eine komplett andere. Damals hast du unter dem DJ-Pult einen Kassettenrekorder gehabt und das Set aufgezeichnet. Die Kassetten konnte man im Anschluss für 50 bis 80 Mark verkaufen. Die Leute waren gierig nach Musik! Heute tanzen sie am liebsten zu Songs, die sie kennen. 

Bei welchem Song findet man euch auf jeden Fall auf der Tanzfläche?

Schäfer: Auf der Party eines guten Freundes habe ich zuletzt zu „When Doves Cry“ von Prince getanzt. Das ist einfach ein grandioser Song.

Specks: Meine Lieblingstanznummer ist „Whoo Alright Yeah Uh Huh" von The Rapture. Es hat diese New-York-Nervosität und handelt davon, dass die Menschen lieber kritisieren, statt zu tanzen.

Rohde: Ich liebe Les Rita Mitsoukos „Marcia Baïla“. Besonders beeindruckt hat mich hier ein Besuch in Paris im Bistro „Chez Jeannette“: Als wir zur Tür reinkamen, lief der Song und alle Besucher sangen mit. Eine unglaubliche Atmosphäre und Energie, die ich nie vergessen und immer mit dem Song verbinden werde. •

„Der Sound von Vinyl klingt einfach wärmer. Ich finde es auch charmant, wenn es irgendwann anfängt zu knistern.“

 

Interview: Alexandra Wehrmann 
Fotos: Celine Al-Mosawi

Info:

Kai Schäfer ist Fotokünstler. Seit 2010 arbeitet der 48-Jährige bereits an seiner Serie „Worldrecords“, für die er wichtige Platten der Popgeschichte ablichtet. Etwa 130 Fotos umfasst die Serie mittlerweile. Das erste Motiv hat er für seine Wohnung fotografiert: Led Zeppelin IV war gleichzeitig auch sein erstes Album. 

www.worldrecords.me

Volker Rohde hat schon ein Mode-label betrieben, war Musiker und hat im Vertrieb eines Mobilfunkanbieters gearbeitet. Seit 2016 betreibt der 46-Jährige den Plattenladen „Heimindustrie Records“ auf der Brunnenstraße in Düsseldorf-Bilk. Dort verkauft er ein breit gefächertes Angebot, von Blues, Easy Listening und Funk über Soul, Disco und Indie bis hin zu Jazz und Reggae.

https://www.facebook.com/pg/Heimindustrie

Haru Specks ist gelernter Druckformenhersteller. Heute arbeitet der 54-Jährige als Plattenaufleger und Kellner. Seit 2013 hat er rund „150 Vinylpredigten“ zu fast 80 Themen an unterschiedlichen Orten gehalten.

www.haruspecks.de

 

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