Der Bildermacher 4.0

 

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 1/2017

Neue Kunstformen werden häufig erst einmal infrage gestellt. So kommt auch in unserer digitalisierten Welt die Frage auf: Sind Bilder, die am Computer entstehen, Kunst? Wer die Werke von Tim Berresheim für sich entdeckt hat, kennt die Antwort.

Tim Berresheim gilt als Pionier der computergenerierten Kunst. Ein abgebrochenes Informatikstudium führte den gebürtigen Heinsberger an die Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Filmemacher wollte er werden, entdeckte dann jedoch seine Liebe zur bildenden Kunst und zu digitalen Bildern. An der Kunstakademie Düsseldorf studierte er bei Albert Oehlen und wurde sein Assistent. In seinem Atelier in Aachen, wo er heute lebt und arbeitet, findet man statt Pinseln und Farben jede Menge Computer sowie Vinylplatten, Kassetten und CDs, denn neben der Kunst produziert Berresheim auch Musik für sein Label New Amerika – unter anderem mit Künstlerfreund Jonathan Meese.

The Humongous Floozy

Berresheim selbst beschreibt seine Tätigkeit unprätentiös als Bildherstellung oder Artefakt-Herstellung. Es geht ihm darum, etwas wirklich Neues anzubieten: eine zeitgenössische ästhetische Praxis. Seinen Arbeiten geht eine monatelange Vorbereitungsphase voraus. „Mit dem Computer wird Handwerklichkeit wieder wichtig. Wenn man den Computer nicht beherrscht, macht man keinen Unterschied zum Bürger, der auch im täglichen Leben damit umgeht“, so Berresheim. Er bedient sich der Technik des Computer-Renderings, das physikalische Prozesse simulieren und dreidimensionale Strukturen wiedergeben kann. Der Digitalist arbeitet mit Fluss- und Wettersimulationsprogrammen, Wirbeln, die Millionen von Partikeln bewegen, aufeinander abfärben, Schatten erzeugen.

Tim Berresheim Porträt

„Ich nutze die Simulationsprogramme, um physikalische Beobachtungen zu unternehmen, die in the real world nicht möglich sind“, erklärt Berresheim. Seine Methodik ist dabei mitunter weitaus aufwendiger, als einen Pinsel zu schwingen. Wenn er die Maus in die Hand nimmt, geht er vielmehr einen Schritt weiter, berechnet Pinselstriche, simuliert die Spuren der Farben im Raum, ihren Fluss, die Farbspritzer, die beispielsweise in einer Kurve aus diesem Fluss ausbrechen – und das in alle Richtungen. So entstehen multidimensionale illusionistische Räume, komplexe virtuelle Skulpturen und surrealistisch anmutende Bildwelten, die in ihrer Detailvielfalt eine ganz eigene Dynamik entwickeln. Die Motive werden so minutiös dargestellt, dass sich die Strukturen auch bei allernächster Betrachtung nicht auflösen – keine Körnung, keine Pixel. Ein feines Haar bleibt ein feines Haar. Die digitale Realität wird am Ende via Ultrachrome-Druck aus dem Computer in die „echte“ Welt transportiert.

Um seine Bilder begreifbar zu machen, versieht Berresheim bei seinen Ausstellungen teilweise auch die Wände mit Illustrationsgrafiken, die den Entstehungsprozess verdeutlichen. Zusätzlich bietet er eine App an, die nicht offensichtliche Schritte der Bildgenese sichtbar macht.

Tim Berresheim

Um den Bildentstehungsprozess für den Betrachter nachvollziehbar zu machen, hat Berresheim eine Augmented Reality App entwickelt und damit seiner digitalen Welt eine vierte Dimension hinzugefügt. Die App erkennt das jeweils fokussierte Bild und macht es dreidimensional erfahrbar - wie das Bild The Humongous Floozy. In der App werden die Arbeitsschritte des Künstlers per Animation dargestellt oder gar ein digitales Werk hinzugefügt. Die App kann kostenlos im App Store oder bei Google Play heruntergeladen werden.

Tim Berresheim

Berresheims Sammler haben längst erkannt, dass hier etwas großes Neues stattfindet: Da ist einer, der vor dem Background der Kunsthistorie mit den Werkzeugen der Jetztzeit agiert. Der sein ganz eigenes Ding durchzieht und völlig neue Dimensionen eröffnet.

In diesem Jahr gestaltete Tim Berresheim die Carhartt-Bühne beim Open Source Festival und schafft damit eine Klammer zwischen bildender Kunst und Musik. Seine Arbeiten sind ab dem 19. Mai 2017 in den Schaufenstern der Carhartt-Stores in Düsseldorf und Köln zu sehen. Das Open Source Festival fand am 8. Juli 2017 auf der Düsseldorfer Galopprennbahn statt.

Weitere Infos zu Tim Berresheim unter: http://timberresheim.de

Am 8. September 2017 ist ab 18 Uhr die Ausstellung „Auf der Pirsch II: Smashin' Time“ von Tim Berresheim zu sehen: Kunst & Denker Contemporary, Florastr. 75, 40217 Düsseldorf

Text: Lena Brombacher

Fotos (von oben nach unten): Tim Berresheim, Foto Schicko, Celine Al-Mosawi/Kunst & Denker Contemporary, Anke Berresheim

 

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